Größtes deutsches Schulmuseum in Friedrichshafen platzt aus allen Nähten
17. September 2008 | Von Fritjof Schultz-Friese | Kategorie: ALLGEMEIN, GESCHICHTE, HOBBY, TOURISMUSReiche Zeppelin-Stadt lässt sich Zeit für Erweiterung an Villa „Riz“ –
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Museumsleiter und Sammler Norbert Steinhauser ist vergrätzt und denkt an Nachfolger
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FRIEDRICHSHAFEN. fsf/ Der 78-jährige Sammler deutscher Schulgeschichte, der EX- Schul-direktor Norbert Steinhauser, ist vergrätzt über die Stadt Friedrichshafen. Mit seinem Kollegen Prof. Erich Müller- Gaebele, gleichfalls ein passionierter Sammler, hat er 1980 das erste Schul-museum in Baden-Württemberg mit größter Sammlung gegründet. Auf Angebot der Stadt Friedrichshafen zogen sie 1989 in der „Villa Riz“ in exponierter Lage Nähe Bodensee. Hier auf drei Etagen mit 450 qm deutsche Schulgeschichte von der Kloster-zeit, Drittes Reich bis zur Dorfschule der Neuzeit. In drei kompletten Klassenräumen aus der Zeit um 1850 mit russischer Rechenmaschine, aus dem Kaiserreich um 1900 sowie der Weimarer Republik um 1930 wird in „Original-Kulisse“ gepaukt. Über 20.000 Exponate von Schulbüchern, Schulranzen, Schultüten bis Landkarten mit einem Versicherungswert von 1,8 Millionen Euro. Zu den Requisiten prominenter Schüler gehört das Zeugnis von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl sowie die Schulbank des baden-württembergischen Ex-Ministerpräsident Lothar Späth, der als „Cleverle“ deutscher Wirtschaftsgeschichte schreibt. Seit zwei Jahren ist klar, in der Pauker-Villa ist kein Platz mehr für weitere Sammlungen, auch fehlen Räumlichkeiten die deutsche Schulgeschichte informativ weiter zu geben. Von der Stadt wird ein Anbau an die Villa versprochen, doch nichts tut sich. Das Museum wurde seit Gründung von über 900.000 „Nachsitzern“ besucht. An Spitzentagen sind es gut 400 Kinder oder „Gestrige“.
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1979 wurde das erste deutsche Schulemuseum eröffnet, nicht einmal ein Jahr später folgte der EX- Schuldirektor Norbert Steinhauser mit Sammlerkollegen Prof. Dr. Erich Müller- Gaebele. Über Jahrzehnte hatte Steinhauser an der Pestalozzi-Grundschule in Friedrichshafen und davor als Dorfschullehrer in Bichenhausen bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb unterrichtet. Er lehrte sämtliche Fächer von Musik, Deutsch bis Mathematik. Die Schulreform von 1968 -75 ist für ihn der Beginn die Schulge-schichte zu retten und zu sammeln. Als die Dorf- und Konfessionsschulen aufgelöst werden überkommt ihn Wehmut. Er rettet Bücher, Atlanten und Karten vor dem Reißwolf und Müllkippe. Die Schätze hortet er auf Dachböden von Bekannten und Freunden. Keiner wird ausgenommen. Er sucht immer wieder neue Stellplätze für die deutsche Schulgeschichte. In Prof. Dr. Erich Müller- Gaebele, der über 34 Jahre im Lehramt an der Pädagogischen Hochschule Wein-garten tätig war, findet er einen ambitionierten Sammler-Kollegen. Der PH-Professor, einst Leiter der ersten deutschen Forschungsstelle für Schulgeschichte, bringt eine Sammlung von Top- Rari-täten aus Jahrhunderten ein. Zusammen eröffnen sie 1980 in Schnetzenhausen, der Friedrichs-hafener Teilortgemeinde, das „Oberschwäbische Schulmuseum“ mit einem Förderverein. Doch zu schnell platzt die Sammlung des einstigen Lehrers und Professors aus allen Nähten, denn beide stöbern weiter auf Flohmärkten und in antiquarischen Buchhandlungen.
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Die deutsche Schulgeschichte beginnt mit der Reformation, wobei der Evangelist Martin Luther die Bibel in deutscher Sprache in den Mittelpunkt stellte. Vordem prägten die Klöster mit Unterricht von Kindern Adeliger und hoher Beamter die Bildung von Sprache, Schrift und Wissen. 1649 wird in Alt-Württemberg die Schulpflicht eingeführt. Es folgt 1744 der restliche Teil von Württemberg sowie Oberschwaben, was zum Reich Kaiserin Maria Theresia, wozu Böhme, Kroatien und Ungarn, ge-hörte. Der Sohn Joseph II. erließ 1792 einen Strafenkatalog, wer der Schule fernblieb:
- Wer sein Kind nicht zur Schule schickt muss doppelt soviel Schulgeld zahlen
- Wer kein Schulgeld hat muss bei der Gemeinde kostenlos fronen.
Bis 1970 war in Deutschland die Prügelstrafe erlaubt. Die Esel-mütze für faule Schüler und Strafe-sitzen auf einem Holzesel, zum Spott der Mitschüler, gab es bis zum 1.Welt-krieg. Im Gegensatz wurden fleißige Schüler bis Mitte des 20. Jahrhunderts mit Gela-tinebildern mit Motiven wie Hund mit Aufschrift „Reden ist Silber – Schweigen ist Gold“, Kauze in Lila, das eiserne Kreuz und Be-lobigung in Rot „Recht gut“ ausge-zeichnet. Legte man die Blättchen in die Hand wellten sie sich, wobei man sie als Lesezeichen oder zerkauen konnte.
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Im letzten Jahr haben die Sammler und Gründer des größten deut-schen Schulmuseums Norbert Steinhauser sowie Prof. Dr. Erich Müller- Gaebele das Bundesver-dienstkreuz von Bundespräsident Horst Köhler für ihre idealistische Arbeit sowie Erhalt der deutschen Schulgeschichte erhalten. Dabei ist für den Ex-Rektor Norbert Steinhauser das Ziel nicht erreicht. Seit Jahren fordert er einen Anbau an die Villa „Riz“, zumal das Haus nicht unter Denkmalschutz steht, was im großflächigen Garten möglich ist. Über 20 Prozent der Exponate können nicht aus-gestellt werden und ein weiterer Zukauf ist aus Platzgründen nicht möglich. Auch fehlt es an Räum-lichkeiten für Sonderausstellungen sowie Information. Auf Anfrage bei der Stadt Friedrichshafen heißt es hierzu: „Das Schulmuseum ist beim Amt für Erwachsenen-bildung und Stadtgeschichte angesiedelt. Für das Museum wird 2008/ 2009 ein neues Konzept erarbeitet und mögliche Planungsmittel errechnet“.
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Der Museumsleiter, der 78-jährige EX- Rektor Norbert Steinhauser ist vergrätzt. Er sieht sein Lebenswerk nicht honoriert. Ab nächstem Jahr soll nach seinen Worten sein Nachfolger für das größte deutsche Schulmuseum in Friedrichshafen ausgeschrieben werden, „doch bitte in Tarif eines Oberstudiendirektors“, so seine Worte. Mit 80 Jahren will er sich endgültig von seiner Sammlung, das wäre 2010, verabschieden.Â
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Bilder: Fritjof Schultz-FrieseÂ
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