Nach 174 Jahren wieder ein Nachtwächter in Konstanz
2. September 2009 | Von Fritjof Schultz-Friese | Kategorie: ALLGEMEIN, EVENT, GESCHICHTE, KONSTANZ, TOURISMUS
Lehrer Ulrich Büttner hat nächtliche Historie wiederentdeckt –
Am Bodensee Deutschland / Schweiz gibt es in vier Städten Nachtwächter
KONSTANZ. fsf / „Hört Ihr Leute lasst Euch sagen..“ heißt es mit Premiere am 3. September in Konstanz. Nach 174 Jahren hat die Konzilstadt am Bodensee wieder einen Nachtwächter. Der 36-jährige Lehrer Ulrich Büttner, im Nebenjob Stadtführer, führt Touristen im mittelalterlichen Outfit, mit Hellebarde und Kerzenlampe durch die Stadt. Zur vollen Stunde bläst er das Signalhorn. Die Stadt Konstanz mit einziger Papstwahl auf deutschem Boden verkauft das Mittelalter mit 17 Stadtführungen. Im letzten Jahr wurden über 30.000 Gäste gezählt. Der Renner ist der klassische Altstadtrundgang mit Thema „Gegenwart der Vergangenheit“, die in der Hochsaison zweimal am Tag angeboten wird. Von Erfolg ist die Führung „Pfaffen, Ketzer, Kurtisanen“ in Anlehnung an das Konstanzer Konzil von 1414 bis 1418 mit Darstellung von zwei Schauspielern vom Theater Freiburg. Der schönen Kurtisane oder auch Hübschlerin hat der international bekannte Künstler Peter Lenk mit Größe sieben Meter auf die Konstanzer Hafenmole ein Denkmal gesetzt. In ihren ausgestreckten Armen hält sie Kaiser Sigismund und Papst Martin V. Am Bodensee und Hinterland gibt es in Markdorf, Lindau, Engen und Bischofszell Nachtwächter. Rudolph Stark aus Markdorf ist der Dienstälteste. Seit 1978 ist er auf nächtlichen Rundgang. Der jüngste ist der Konstanzer Ulrich Büttner.
Seit fünf Jahren ist der gebürtige Konstanzer Ulrich Büttner Lehrer an der Zeppelin-Gewerbeschule / Technisches Gymnasium und unterrichtet Deutsch, Geschichte, Politik und Ethik. Ein Stressjob, von Schülern und Eltern am Pranger. Als Ausgleich führt der kommunikative 36- jährige Touristen durch die Stadt. Und da fehlt doch was? Im Stadtarchiv recherchierte er in Historie der einst beliebten Nachtwächter. Bis 1835 waren 12 Wächter der Nacht in den Stadtteilen Stadelhofen, Niederburg und Petershausen, mit Rundgang von 18 bis 6 Uhr in der Frühe, angestellt. „Ein Traumjob war es nicht“, weiß der „Nachfolger“ Ulrich Büttner zu berichten. Um den kargen Lohn aufzubessern waren sie zugleich Totengräber oder Tagelöhner. Die Familie musste durchgebracht werden. Waren sie einst nur mit Hellebarde, Lampe und Signalhorn ausgerüstet, wurde aus ihnen zunehmend eine Miliz mit Säbel und Muskete. Der Lehrer Ulrich Büttner bringt den klassischen Nacht-wächter vor der Militarisierung bei der Tourist- Info Konstanz ein, wobei seine Zeit im späten Mittelalter bis Übergang in die Renaissance spielt. Die schwarze Kluft mit Umhang, Hemd, Hose und Hut hat er im Internet gekauft. Der Treff ist von April bis August jeweils um 20,30 Uhr an der Münstertreppe. Im September bis Oktober ist es etwas früher, da trifft man sich bereits um 19 Uhr. Die abendliche Stadtführung geht gut eineinhalb Stunden Richtung Stephans Kirche, Zollernstraße, zurück zum Münster, Niederburg mit Abschluss an der Stephans Kirche. Als Ersatz hat Ulrich Büttner zwei Kollegen angeheuert, die ihn als Nachtwächter in Konstanz vertreten.

Bilder: Fritjof Schultz-Friese
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